04.12.2009 - Katrin Kunert
Bund darf sich bei den Kosten der Unterkunft nicht weiter aus der Verantwortung stehlen
Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Sehr geehrter Herr Kollege Kober, Sie sind neu im Bundestag.
Deswegen sage ich Ihnen: Zur Höflichkeit gehört, dass man
der Debatte im Ganzen folgt.
Ich wünschte mir, dass Leute, die in den Bundestag kommen, zuvor
mindestens ein kommunales Mandat hatten, damit sie den Blick für
die Situation der Kommunen haben.
(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Haben wir! - Bernhard Kaster [CDU/CSU]:
Wir sind die Kommunalpartei!)
- Man merkt es aber nicht.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Wir entscheiden heute darüber, ob der Bund die Kommunen bei
den Kosten der Unterkunft weiterhin im Regen stehen lässt. Die
Linke will das nicht.
(Beifall bei der LINKEN)
In dem vorliegenden Gesetzentwurf ist vorgesehen, dass der Anteil des Bundes bei den Kosten der Unterkunft wieder abgesenkt wird. Dafür ist eine Formel im Gesetz vorgesehen, die im Übrigen kein starres Gebilde ist, die durchaus anpassungsfähig ist. Wir können sie auch ganz abschaffen. Diese Formel besagt: Je weniger Bedarfsgemeinschaften es in der Bundesrepublik gibt, desto weniger soll sich der Bund an den Kosten beteiligen. Dabei wird unterstellt, dass mit einer Abnahme der Zahl der Bedarfsgemeinschaften die Kosten sinken.
Herr Kollege Schiewerling, Sie haben bei der ersten Lesung gesagt,
dass Politik mit dem Betrachten der Wirklichkeit beginnt. Beginnen
wir also mit dem Betrachten der Wirklichkeit:
Erstes Beispiel. Im Land Sachsen-Anhalt sind die Kosten der
Unterkunft im September 2009 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 478
000 Euro gestiegen. Im Oktober dieses Jahres betrug die Steigerung
schon 783 000 Euro. Für das Jahr 2010 müssen die Kommunen
in Sachsen-Anhalt, wenn man von gleich hohen Aufwendungen wie 2009
ausgeht, wegen der beabsichtigten Absenkung des Bundesanteils um 2,4
Prozentpunkte mit einer Mehrbelastung von 13,8 Millionen Euro rechnen.
Zweites Beispiel. Die Stadt Würzburg rechnet für
2010 mit einer Steigerung der Kosten um 600 000 Euro. Durch die beabsichtigte
Senkung des Bundesanteils würde eine Mindereinnahme von 270 000
Euro hinzukommen.
Drittes Beispiel. In der Stadt Bochum hat sich die Anzahl der
Bedarfsgemeinschaften von 2007 bis 2008 um 1615 verringert. Die durchschnittlichen
Kosten je Bedarfsgemeinschaft haben sich jedoch von 314 auf 335 Euro
erhöht. Damit ist die Annahme, die der Formel in Ihrem Gesetzentwurf
zugrunde liegt, widerlegt. Soweit zur Wirklichkeit.
Ihr Argument, die Höhe der Bundesbeteiligung müsse genau
so beschlossen werden, damit wir die Kommunen um 2,5 Milliarden Euro
entlasten können, zieht nicht. Es geht in erster Linie um die
Sicherstellung der Aufgabe, den Wohnraum für die Betroffenen
vor Ort zu finanzieren.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Linke ist der Auffassung: Auch Menschen ohne Arbeit, auch Menschen,
die Grundsicherung beziehen, haben einen Anspruch auf menschenwürdiges
Wohnen.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Linke will, dass die Kommunen bei der Erfüllung dieser Aufgabe
vom Bund finanziell entsprechend ausgestattet werden. Das bedeutet,
dass der Bundesanteil auf der Basis der tatsächlichen Kosten
für Unterkunft und Heizung berechnet werden muss. Deshalb muss
Ihre Anpassungsformel weg, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall bei der LINKEN)
Dies ist der Gegenstand unseres Antrages. Mit Blick auf das Votum
der vielen Sachverständigen im Ausschuss sagen wir, dass unser
Antrag in der Gesellschaft mehrheitsfähig ist. Das, was dort
niedergelegt ist, muss man berücksichtigen, wenn man den Kommunen
tatsächlich helfen möchte.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Koalition spricht viel von klugen
Arbeitsmarktinstrumenten.
(Pascal Kober [FDP]: Zu Recht!)
Ich nehme Ihnen ab, dass Sie Menschen aus dem SGB-II System herausholen
wollen. Die Frage ist nur, mit welchen Methoden Sie das tun. Wissen
Sie, wie wir 1,35 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus
dem Bezug von Leistungen nach dem SGB II herausholen können?
Indem wir einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland
einführen.
(Beifall bei der LINKEN - Ingrid Fischbach
[CDU/CSU]: Frau Kunert, am besten ist, Sie schaffen Arbeit!)
Wir müssen dafür sorgen, dass gerade die Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer im Wachschutz, im Blumenfachhandel, im Friseurhandwerk
oder in der Abfallwirtschaft endlich von ihrer Arbeit leben können
und nicht mehr zum Amt gehen müssen.
Lassen Sie mich noch kurz etwas zu den Einsparungen sagen, die Sie
immer versprechen. Im Zeitraum von 2008 bis 2009 sind zehn Gesetzesvorhaben
im Zusammenhang mit Steuerentlastungen verabschiedet worden.
Diese werden bis 2013 zu einem Minus von 19 Milliarden Euro bei den
Kommunen führen. Mit dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz drohen
weitere Ausfälle in Höhe von 8,7 Milliarden Euro. Da frage
ich Sie: Wo ist denn da die Anpassungsformel für die Kommunen,
liebe Koalition?
(Pascal Kober [FDP]: Haben Sie sich mal die Einnahmeseite durch das
Wachstum angesehen?)
In dieser für die Kommunen angespannten Situation wollen Sie
wiederum die Daumenschrauben anziehen und sich bei den Kosten der
Unterkunft weiter aus der Verantwortung stehlen. Die Linke sagt dazu
Nein. Wir bitten um Zustimmung zu unserem Antrag.
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)




