06.06.2008 - Katrin Kunert
Debatte zum 11. Sportbericht der Bundesregierung
Katrin Kunert (DIE LINKE):
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
64 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele, später folgen noch
die Paralympics in Peking wünscht die Linke allen Sportlerinnen
und Sportlern eine optimale Vorbereitung verletzungsfrei, das Er-
reichen der hochgesteckten Normen, viel Erfolg und schöne Spiele.
(Beifall bei der LINKEN)
Fest steht: Deutschland wird mit einer starken Mannschaft nach Peking
fahren. Die Erwartungen sind sehr hoch. Fest steht auch, dass die
weitere Förderung durch den Bund maßgeblich vom Abschneiden
der Mannschaft abhängen wird. Aber die Förderung des Spitzensports
ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille
ist die Förderung des Breitensports. Von daher ist es gut, dass
wir vor Olympia den 11. Sportbericht der Bundesregierung und den Antrag
der Fraktion Die Linke für ein Sportförderungsgesetz des
Bundes beraten. Für die Linke ist klar: Ohne eine bessere Unterstützung
des Breitensports wird der Spitzensport in Zukunft auf der Strecke
bleiben.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Winfried Hermann [BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN])
Daher muss die Sportförderung im weiten Sinn im frühkindlichen
Alter beginnen und bis ins hohe Alter erfolgen. In einer modernen
Gesellschaft muss der Sport mehr sein als nur Wettlauf um höhere
Leistungen. Durch Sport werden Werte vermittelt und wird die Gesundheit
gefördert. Bei großen internationalen Wettkämpfen
wie in Peking trägt der Sport zur Völkerverständigung
und zum friedlichen Zusammenleben der verschiedensten Nationen bei.
Aber nun zum Bericht. Darin heißt es – ich zitiere :
"Auch der Spitzensport leistet einen wichtigen Beitrag für die
Gesellschaft insgesamt. Erfolgreiche Sportler haben insbesondere für
Kinder und Jugendliche oftmals Vorbildfunktion und stehen für
Leistungswillen, Ausdauer, Fairness und Teamgeist. Die Förderung
des Leistungssports ist deshalb zugleich ein Beitrag zur gesellschaftlichen
Wertedebatte."
Dem stimmen wir zu. Nur: Über welche Werte reden wir? Welche
Werte erfahren die Menschen im Leben?
Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich ermöglicht
vielen Menschen die Teilnahme an Sportkursen oder Veranstaltungen
erst gar nicht, weil ihnen schlicht und einfach das Geld fehlt, und
sie haben auch andere Sorgen. Der Sport hätte das Potenzial,
die Gesellschaft zusammenzuhalten, aber das Potenzial wird nicht ausgeschöpft.
Deshalb sagt die Linke:
Erstens. Alle Kinder und Jugendlichen sowie Erwachsenen bis hin zu
den Seniorinnen und Senioren, egal ob mit oder ohne Behinderung, müssen
freien Zugang zum Sport haben.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES
90/DIE GRÜNEN)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich will Ihnen von Bianca erzählen.
Sie besucht seit zwei Jahren die Landessportschule in Halle. Sie ist
mit Leib und Seele Basketballerin. Ihr großes Vorbild ist Dirk
Nowitzki. Sie wurde 2007 deutsche Meisterin, 2008 Landesmeisterin
in Sachsen-Anhalt, mitteldeutsche Meisterin, ostdeutsche Meisterin,
norddeutsche Meisterin, und vor zwei Wochen wurde sie mit ihrer Mannschaft,
den Halle Lions, deutsche Vizemeisterin. Wenn sie so weitermacht,
wird sie eines Tages in der Nationalmannschaft für Deutschland
spielen. Man könnte meinen, das sei eine steile Karriere. Aber
ihr Besuch der Sportschule konnte nur durch private Förderer
gesichert werden, da beide Elternteile Arbeitslosengeld II ziehen.
(Detlef Parr [FDP]: Also organisiert sich die Gesellschaft doch hervorragend
selbst! Ein besseres Beispiel hätten Sie gar nicht finden können!
– Klaus Riegert [CDU/CSU]: Was ist daran schlimm?)
In dem Regelsatz von 347 Euro sind nun einmal keine Internatskosten
enthalten.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, stellen Sie sich einmal vor: Bürgerinnen
und Bürger in diesem Land geben ihr privates Geld, damit ein
Kind eine weiterführende Schule besuchen kann, und zum Dank streicht
der Staat der Bedarfsgemeinschaft die Leistung für das Kind.
Der Staat spart auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger. Das
ist ein Skandal. Das sage ich Ihnen ganz deutlich.
(Beifall bei der LINKEN)
Dass der Staat diese Schulen nicht kostenlos zur Verfügung stellt,
ist schon ein Armutszeugnis. Aber dass man es den Familien auch noch
schwerer macht, wenn sie sich selbst darum kümmern, dass die
Kinder solche Schulen besuchen können, ist es ein Punkt, über
den Sie, wie ich denke, nachdenken sollten. Das ist auch ein Beispiel
dafür, dass die Bundesgesetzgebung in die Tiefen des Breitensportes
und bis hin zur Basis wirkt.
(Dagmar Freitag [SPD]: Was haben Sportschulen mit Breitensport zu
tun, Frau Kollegin?)
Über diesen Punkt sollten wir wirklich reden.
An Talenten mangelt es in Deutschland nicht. Aber es ist nur einem
Teil der Kinder und Jugendlichen möglich, sich sportlich weiterzuentwickeln.
Genau wie in der schulischen Bildung hängen die Chancen der Kinder
in erster Linie vom Geldbeutel der Eltern ab. Schon die Mitgliedschaft
in manchen Sportvereinen stellt für viele Kinder eine finanzielle
Hürde dar.
Zweitens. Im Schulsport liegt vieles im Argen, und das seit Jahren:
Sportstunden werden gestrichen; es gibt nicht genügend Sportlehrerinnen
und Sportlehrer; die Aus- und Weiterbildung ist absolut unzureichend,
und der Schwimmunterricht wird privatisiert.
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Da, wo ihr mitregiert, ist es am schlimmsten!)
Dabei ist gerade der Schulsport ein wichtiges Bindeglied zwischen
gesunder Lebensweise, Bewegung und Lernfähigkeit. Wir können
punktgenau sagen, wie hoch die Gesundheitskosten später sein
werden, weil Kinder zu dick sind, sich falsch ernähren oder sich
nicht ausreichend bewegen und damit krankheitsanfälliger sind.
Eine gute Sportpolitik ersetzt jede Gesundheitsreform.
(Beifall bei der LINKEN)
In den Kindertagesstätten und Schulen müssen gesunde Ernährung
und Bewegung als Ganzes vermittelt werden. Wir fordern bundeseinheitliche
Qualitätsstandards zur Weiterentwicklung des Schulsports. Die
dritte Sportstunde muss überall, also in jedem Bundesland und
in jeder Schule, zur Pflicht werden.
(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: In der Woche!)
Nur so kommen wir aus dem Dilemma der Streiterei um die Zuständigkeiten
zwischen Bund und Ländern heraus.
Gleiche Bildungsstandards, liebe Kolleginnen und Kollegen, tragen
ja auch zur Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland
bei – ein Ziel, das wir uns einmal gestellt haben.
(Beifall bei der LINKEN)
Drittens. Der Zustand vieler Sportstätten ist mangelhaft. Im
Sportbericht wird die stolze Zahl von 63 Millionen Euro genannt, die
im Rahmen des Bundesprogramms „Goldener Plan Ost“ von 1999 bis 2005
zur Sanierung und zum Neubau von Sportstätten ausgegeben worden
sind.
(Dagmar Freitag [SPD]: Das wollen Sie doch nicht kritisieren!)
Aber im eigentlichen Berichtszeitraum, also von 2002 bis 2005, waren
es nur noch 26 Millionen Euro, und im Haushalt für 2008 stehen
ganze 2 Millionen Euro. Das bezeichne ich als einen Witz. In der letzten
Debatte über den Haushalt haben Sie unseren Antrag, diesen Betrag
wenigstens auf 10 Millionen Euro anzuheben, abgelehnt.
(Dagmar Freitag [SPD]: Aus gutem Grund!)
Die Grünen haben leider sogar signalisiert, dass sie diese Förderung
am liebsten ganz abschaffen wollen. Kluge Sportpolitik sieht aber
anders aus, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der LINKEN)
Fest steht: 70 Prozent der Sportanlagen im Osten und 40 Prozent der
Sportanlagen im Westen sind sanierungsbedürftig. Für die
Sanierung werden nach Auskunft von Fachleuten 40 Milliarden Euro benötigt,
davon entfallen 20 Milliarden Euro auf die öffentlichen Träger,
also in erster Linie auf die Kommunen. Auch wenn wir heute über
Sport reden, stelle ich fest: Die Finanzausstattung der Kommunen steht
unter keinem guten Stern. Es gibt bei den Kommunen große Unterschiede
zwischen Arm und Reich. Das sieht man auch am Zustand der Sportstätten.
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Wohl wahr!)
Die Linke fordert, auch die Sportstätten am Aufschwung in Deutschland
teilhaben zu lassen.
(Beifall bei der LINKEN – Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Das heißt im Klartext: Mindestens 20 Millionen Euro in das Programm
„Goldener Plan“ einstellen und dieses auf die alten Bundesländer
ausdehnen. Im gleichen Kontext sage ich auch: Die Finanzausstattung
der Kommunen muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden,
damit die Sportinfrastruktur auch nachhaltig verbessert werden kann.
Vielleicht, liebe Kolleginnen und Kollegen, gelingt es Ihnen auch
noch, in der Föderalismusreform II die Entschuldung der Kommunen
unterzubringen. Das ist nämlich genauso wichtig.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der CDU/CSU: Das ist ja ein Wünsch-dir-was-Programm,
was Sie da vorschlagen!)
Viertens. Der Sport braucht insgesamt noch mehr Anerkennung und Verbindlichkeit.
Die Linke unterstützt deshalb den Vorschlag des DOSB, Sport als
Staatsziel in das Grundgesetz aufzunehmen. Mit einem Sportfördergesetz
des Bundes muss die derzeitige Förderung des Spitzensportes mit
der des Breitensportes zusammengeführt werden.
Sport als aktives Gesundheitsprogramm und als Instrument zur Integration
und Chancengleichheit für Frauen und Menschen mit Behinderungen
muss in einem Sportfördergesetz festgeschrieben werden. Ihre
föderalen Hinderungsgründe und Ihr Hinweis, dafür seien
wir nicht zuständig, greifen eben nicht immer. In den Haushalten
des Innenministeriums, des Verteidigungsministeriums, des Gesundheitsministeriums,
des Familienministeriums oder des Auswärtigen Amtes sind entsprechende
Gelder eingestellt und werden zum Teil als Bundesprogramme bis in
die Kommunen und Einrichtungen ausgereicht. Ein Sportfördergesetz
bietet die Chance, alle Maßnahmen, die den Sport betreffen,
zu bündeln und aufeinander abzustimmen.
Fünftens. Das bürgerschaftliche Engagement muss weiter gestärkt
werden. Die Anhebung der Übungsleiterpauschale und steuerrechtliche
Vergünstigungen können nur ein erster Schritt sein. Viele
Studentinnen und Studenten, Rentnerinnen und Rentner,Arbeitslose und
Menschen mit einem geringen Einkommen leisten wertvolle ehrenamtliche
Arbeit. Diese haben aber nichts von Steuervergünstigungen.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Linke fordert daher nach wie vor, dass diese Ehrenamtlichen finanzielle
Anerkennung bekommen müssen.Tatsächliche Kosten müssen
erstattet werden.
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Bezahltes Ehrenamt!)
In diesem Zusammenhang will ich noch auf ein Problem hinweisen. Vor
kurzem ist das Einkommensteuerrecht geändert worden. Für
die Beschaffung von geringwertigen Wirtschaftsgütern ist die
Grenze von 400 Euro auf 150 Euro gesenkt worden. Das stellt sich in
den Sportvereinen jetzt als Problem dar.
(Dr. Peter Danckert [SPD]: Die zahlen doch keine Steuern!)
Wir sollten überlegen, ob wir hier nicht nachjustieren sollten,
damit diese Beeinträchtigung der Sportvereine nicht fortbesteht.
Sechstens. Öffentlich geförderte Beschäftigung bringt
den Sport und den Arbeitsmarkt in Schwung. Frau Freitag, eine öffentlich
geförderte Beschäftigung lehnen Sie mit dem Hinweis ab,
es würde gegen die Autonomie der Sportorganisationen verstoßen.
(Dagmar Freitag [SPD]: Haben Sie nicht zugehört? Ich habe nichts
dazu gesagt! Völliger Unsinn!)
Gestern haben Sie zu diesem Thema gesprochen. Ich muss Sie fragen,
ob Sie überhaupt die Realität in den Sportvereinen kennen.
Derzeit haben viele Menschen dank ABM in Sportvereinen Arbeitsgelegenheiten.
Im Landkreis Stendal sind es allein 80 Menschen. Wir fordern, diese
Beschäftigung in versicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse
mit Mindestlöhnen umzuwandeln. Den gemeinnützigen Sport
zum öffentlich geförderten Beschäftigungssektor auszubauen,
ist eine lohnenswerte und notwendige Aufgabe für den Sport und
für die Betroffenen.
(Beifall bei der LINKEN)
Sie heben immer darauf ab, dass es fraktionsübergreifend einen
großen Konsens gibt, was die Sportförderung angeht. Das
ist punktuell richtig. Wir aber sagen: Mit einem generell festgeschriebenen
Sportfördergesetz kann man viele Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten
ausräumen. Man kann bestimmte Aktivitäten vom Bund aus bündeln.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Eine schöne heile Welt, die Sie da
aufbauen!)
Es gibt nach wie vor große Unterschiede in der Förderung
des Frauen- und Männersports. Ich nenne als Beispiel den Fußball.
Es gibt auch nach wie vor große Unterschiede bei der Förderung
des Spitzensports von Menschen mit und ohne Behinderung; dazwischen
liegen Welten. Diese Punkte müssen auf den Prüfstand und
müssen in einem Sportfördergesetz neu geregelt werden.
(Beifall bei der LINKEN – Klaus Riegert [CDU/CSU]: Das hat doch mit
dem Fuball nichts zu tun!)
Ausgehend von der gestrigen Sitzung des Ausschusses sage ich: Wir
wollen nicht Freibier für alle.
(Eberhard Gienger [CDU/CSU]: Das hat sich aber gerade ganz danach
angehört!)
Wir wollen sehr viele Menschen in diesem Land glücklich machen.
Das ist richtig. Aber in erster Linie wollen wir dieses Land gerechter
gestalten, und das beginnt mit dem Sport.
Schönen Dank.




