14.02.2008 - Katrin Kunert
Lage der Kommunen in der Bundesrepublik Deutschland
Das Wort hat die Kollegin Katrin Kunert für die Fraktion Die
Linke.
(Beifall bei der LINKEN)
Katrin Kunert (DIE LINKE):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Liebe kommunale Mandatsträger der Zukunft in Ingolstadt und Umgebung!
(Beifall bei der LINKEN)
Mit Verlaub, Herr Dr. Bergner: Die Bundesregierung malt sich die
Welt, wie sie ihr gefällt.
(Frank Schäffler [FDP]: Das ist eine Pippi-Langstrumpf-Politik!)
Befragt man die Bundesregierung zur Entwicklung und zu den Problemen
im Land, dann bekommt man Antworten, die in der Schule ein "Ungenügend"
wert wären.
(Ingbert Liebing [CDU/CSU]: Nun mal nicht so oberlehrerhaft!)
In Ihrer Antwort auf die Große Anfrage machen Sie durch Ihre
Grundsatzpositionen sehr deutlich, dass Sie auch in Zukunft kein verlässlicher
Partner mehr für die Kommunen sein werden. Einige Minister und
Abgeordnetenkollegen unterstreichen auf wichtigen kommunalpolitischen
Veranstaltungen ihre Verbundenheit mit den Kommunen. Wenn es aber
hier im Bundestag darum geht, sich für die Kommunen einzusetzen,
dann spielt diese Verbundenheit keine Rolle mehr.
(Beifall bei der LINKEN - Iris Gleicke [SPD]: Das halten sogar PDS-Bürgermeister
für Quatsch!)
Ich will Ihnen das an drei Beispielen erläutern.
Erstes Stichwort: verbindliches Mitwirkungsrecht der Kommunen durch
ihre Spitzenverbände bei Gesetzgebungsverfahren.
In der Antwort der Bundesregierung wird der gesamte kommunalpolitische
Katalog der Leistungen abgehandelt. Auf diese Weise wird die Bedeutung
der Leistungen der Kommunen unterstrichen.
(Frank Schäffler [FDP]: Das war eine gute Anfrage!)
Das Leben findet in den Kommunen statt. Schon aus diesem Grund wäre
also eine stärkere Einbeziehung der Kommunen in die Gesetzgebungsverfahren
berechtigt.
(Beifall bei der LINKEN)
Wovor hat die Bundesregierung Angst? Hat sie Angst vor öffentlichen
Debatten über ihre Politik und deren Folgen
(Zuruf von der CDU/CSU: Davor hat die Linke Angst, nicht die Bundesregierung!)
oder davor, dass ihre Gesetzentwürfe eventuell besser werden
würden? - Wenn Sie Redezeit haben, dann nutzen Sie sie bitte
nachher dafür.-
(Beifall bei der LINKEN - Iris Gleicke [SPD]: An dem Parlamentarismus
hat nicht jeder Spaß!)
Die Linke fordert: Nutzen Sie die Föderalismusreform II und verankern Sie ein verbindliches Mitwirkungsrecht der Kommunen im Grundgesetz.
Zweites Stichwort: Finanzausstattung der Kommunen.
Auf die Frage, welche Möglichkeiten die Bundesregierung zur Verbesserung
der Einnahmemöglichkeiten für die Kommunen sieht, antwortet
sie: ...eine von den Kommunen immer wieder geforderte Mittelumverteilung
von Bund und Ländern
auf die kommunale Ebene scheidet ... aus ...
Wenn man in Betracht zieht, dass der Anteil der Kommunen am Gesamtsteueraufkommen
circa 14 Prozent beträgt, und wenn man die Leistungen berücksichtigt,
die in den Kommunen erbracht werden, dann muss dieser Anteil aus unserer
Sicht auf 40 Prozent erhöht werden.
(Beifall bei der LINKEN)
Die skandinavischen LÄnder machen es uns vor; denn dort liegt
der Anteil zwischen 40 und 60 Prozent. Nun schwÄrmen viele hier
im Hause von den sprudelnden Gewerbesteuereinnahmen. In einigen Städten
und Gemeinden ist das bestimmt auch so. Man muss aber feststellen,
dass es auch Kommunen gibt, in denen schon früher kaum Gewerbesteuerzahler
lebten und in denen auch heute kaum welche leben. Die Schere zwischen
armen und reichen Kommunen geht immer weiter
auseinander. Außerdem sind die Sozialausgaben seit der Einführung
von Hartz IV stetig gestiegen. Dies können Sie nicht vom Tisch
wischen.
(Beifall bei der LINKEN)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Problem, das aus unserer Sicht
völlig vernachlässigt wird, sind die Landkreise. Außer
der Kreisumlage, die - höflich ausgedrückt - sehr unsolidarisch
gegenüber den kreisangehörigen Städten und Gemeinden
ist, haben sie keine eigene Einnahmequelle. Der Krug der finanziellen
Belastung wird also nur weitergereicht. Deshalb brauchen auch die
Landkreise einen eigenen Anteil am Gesamtsteueraufkommen. Darüber
müssen wir hier reden.
Hinsichtlich der Investitionen antwortet die Bundesregierung buchhalterisch
mit Tabellen, ohne eine Wertung vorzunehmen. Sie sagt kein Wort zu
Entwicklungen und Aussichten, und es gibt erst recht kein Eingeständnis,
dass durch die Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent automatisch
auch Bauleistungen und Sachsubventionen verteuert wurden.
Die Linke fordert ein kommunales Investitionsprogramm des Bundes für
strukturschwache Regionen, um die Kommunen im Investitionsbereich
nachhaltig zu unterstützen. So manches Sonderprogramm der Ministerien
wäre nicht nötig, wenn generell bessere Investitionsmöglichkeiten
für die Kommunen geschaffen würden.
(Beifall bei der LINKEN - Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Und wie wird
das finanziert?)
Drittes Stichwort: Aufgabenübertragung. In einer Sammelantwort
zu den finanziellen Mehrbelastungen der Kommunen durch Einführung
neuer Sozialhilfeleistungen erkennt die Bundesregierung die Kosten
für Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nicht als
zusätzlich an. Das ist falsch. Der Bund hat die Grundsicherung
im Alter den Kommunen 2003 als neue Aufgabe übertragen, und es
gab ganz klare Verabredungen zu deren Finanzierung. Die Kosten haben
sich seitdem seitdem mehr als verdoppelt. Die Ursachen hierfür
liegen unter anderem in gravierenden Einschnitten in die Renten- und
Sozialversicherungssysteme. Die Linke fordert auch hier, dass sich
der Bund mit mindestens 20 Prozent an den Kosten der Grundsicherung
im Alter beteiligt.
(Beifall bei der LINKEN)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, haben Sie sich schon einmal gefragt,
warum bei Kommunalwahlen die Wahlbeteiligung immer nur bei etwa 30
Prozent liegt?
Die Menschen vor Ort merken, dass kommunale Mandatsträger zunehmend
weniger zu entscheiden haben.
Vizepräsidentin Petra Pau:
Kollegin Kunert, Sie müssen jetzt bitte zum Schluss kommen.
Katrin Kunert (DIE LINKE):
Wenn nämlich kein Geld für Kultur und Sport zur Verfügung
steht, dann ist kommunale Selbstverwaltung de facto nicht mehr möglich.
Schönen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)




