21.05.2010 - Katrin Kunert
Die Handlungsfähigkeit von Städten, Gemeinden und Landkreisen muss wieder hergestellt werden
Rede von Katrin Kunert (DIE LINKE) im Deutschen Bundestag am 21.05.2010:
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich bedauere, dass die Situation in den Kommunen nicht mindestens genauso wichtig ist wie die Rettung des Euros. In Quickborn leihen Bürgerinnen und Bürger ihrer Stadt Geld. In der Gemeinde Niederzimmern in Thüringen werden über 250 Schlaglöcher verkauft, damit die Straßen saniert werden können.
(Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP): Lassen Sie Thüringen aus dem Spiel!)
Die Stadt Remscheid hat bei einem Verwaltungshaushalt mit einem Volumen von 320 Millionen Euro ein aufgelaufenes Defizit von 100 Millionen Euro. Selbst wenn die Stadt ihr ganzes Personal entließe, würde sie auf 10 Millionen Euro Schulden sitzen bleiben. Darüber hinaus hat man der Stadt verboten, auszubilden, da das eine freiwillige Leistung sei. Die Stadt Köln hat im März dieses Jahres eine Bettensteuer beschlossen, um den Haushalt etwas aufzumöbeln. Sie rechnet mit jährlichen Zusatzeinnahmen in Höhe von 21 Millionen Euro. Nun könnten einige ganz Schlaue sagen: Na, seht mal, die Kommunen lassen sich ja etwas einfallen und sind sehr kreativ beim Finden von rechtlich zulässigen Steuern. Diese Beispiele belegen jedoch die blanke Finanznot der Kommunen. Hier müssen wir endlich tätig werden.
(Beifall bei der LINKEN)
Milliarden zur Rettung von Banken, zur Rettung von Griechenland und
zur Rettung von ganz Europa werden ganz schnell und ohne ausreichende
Maßnahmen zur Regulierung der Finanzmärkte beschlossen.
Städten, Gemeinden und Landkreisen wird ständig vorgeschrieben,
was sie zu tun und zu lassen haben. Von kommunaler Selbstverwaltung
kann überhaupt nicht mehr die Rede sein. 480 Milliarden Euro
für die Banken, 22 Milliarden Euro für Griechenland und
jetzt über 140 Milliarden Euro für die Rettung Europas:
Den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort und den kommunalen Mandatsträgern
ist es überhaupt nicht mehr zu vermitteln, warum lebensnotwendige
Dienstleistungen für die Leute vor Ort wie zum Beispiel der öffentliche
Personennahverkehr nicht mehr finanzierbar sind.
Bisher haben Sie, meine Damen und Herren, hier immer eine sehr abstrakte
Debatte über die Kommunalfinanzen geführt. Erinnern möchte
ich nur an Ihre Einsparungsrhetorik bei den Kosten der Unterkunft.
Sie haben immer gesagt: Die Kommunen werden um 2,5 Milliarden Euro
entlastet. Das Defizit in Höhe von 15 Milliarden Euro in diesem
Jahr spricht eine eigene Sprache. Zur Entlastung ist es nie gekommen.
Bisher stehen die Kommunen in der Finanzierungskette in Deutschland
ganz hinten. Aber müssten nicht die Kommunen der eigentliche
Ausgangspunkt im Finanzgefüge sein? Die Kommunen sind keine Behörde
an sich; sie sind vielmehr die einzige staatliche Ebene, wo Lebensqualität
für die Bürgerinnen und Bürger entsteht. Dafür
sind Sie hier verantwortlich.
(Beifall bei der LINKEN)
In den Städten und in den Gemeinden gehen die Kinder in die
Kindertagesstätten, sie lernen in den Schulen, sie lernen Schwimmen,
sie lernen Kultur und Sport selbst kennen. Außerdem gibt es
ein Netz von vielfältigen Beratungsangeboten. Was aber, wenn
Schwimmbäder geschlossen werden, Bibliotheken oder Musikschulen
ihre Preise erhöhen? Die Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge
müssen der Ausgangspunkt für eine solide und auskömmliche
Finanzausstattung der Kommunen sein.
Ich will auf zwei Aspekte eingehen. Zum einen haben sich das Tempo
und die Dynamik der Sozialausgaben in den Kommunen rasant entwickelt.
Während zwischen 1992 und 2002 die Sozialausgaben 6 Milliarden
Euro betrugen, lagen sie im Zeitraum von 2003 bis 2009 schon bei 10
Milliarden Euro, also fast eine Verdopplung der Kosten in nahezu der
Hälfte der Zeit. Hier müssen wir endlich einmal wach werden.
(Beifall bei der LINKEN)
Dafür tragen alle bisherigen Regierungskoalitionen in diesem
Hause die Verantwortung.
Ich will ein Zweites sagen: Die Dramatik besteht darin, dass die Kommunen,
die schon mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben, auch
die meisten Sozialausgaben schultern müssen. Die Kommunen sind
daran nicht schuld. Man muss auch hier sagen, dass die bisherigen
Regierungskoalitionen daran die Schuld tragen und noch nicht einmal
im Ansatz den Versuch unternommen haben, die Finanzierung wieder geradezurücken.
Wir schlagen Ihnen fünf konkrete Maßnahmen vor, die sofort
umgesetzt werden können. Erstens: Rücknahme der beschlossenen
Unternehmenssteuersenkungen und Verzicht auf weitere Steuersenkungen.
An die FDP gerichtet, sage ich: Sie haben doch auf Ihrem Bundesparteitag
einen Antrag auf Senkung der Mitgliedsbeiträge mit der Begründung
abgelehnt, weil sich durch Senkung der Mitgliedsbeiträge das
Problem der Parteifinanzkrise nicht lösen ließe. Sehen
Sie also bitte auch in Zukunft von weiteren Steuersenkungen einfach
ab.
(Beifall bei der LINKEN Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP): Was ist denn das für eine abenteuerliche Argumentation?)
Zweitens. Wir sind für die Entschuldung der hochverschuldeten
Kommunen.
Drittens sind wir für die Entwicklung der Gewerbesteuer zu einer
Gemeindewirtschaftsteuer.
Viertens wollen wir, dass der Anteil des Bundes an den Kosten der
Unterkunft, der Grundsicherung im Alter und auch bei der Umsetzung
des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz für Kinder unter drei
Jahren erhöht wird.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Fünftens wollen wir ein verbindliches und einklagbares Mitwirkungsrecht
für die Kommunen bei der Gesetzgebung des Bundes.
Ich wünsche mir wirklich, dass Sie sich genauso emotional und
verantwortungsbewusst, wie Sie hier für Europa gesprochen haben,
für die Kommunen einsetzen; denn hier findet das Leben statt.
Hier ist auch die Demokratie in Gefahr.
(Beifall bei der LINKEN)




